Beleidigende Worte oder „nur“ Blicke in der U-Bahn: Akneshaming ist Mobbing mit seelischen Verletzungen als Folge, weshalb zu viele Frauen das Gefühl haben, sich unter Make-up verstecken zu müssen. Wir haben von einer Psychotherapeutin gelernt, wie wir (wie Kendall Jenner auf dem roten Teppich) im Alltag Akneshaming stoppen können und mit unreiner Haut endlich ins Reine kommen. Denn am Ende ist Akne vor allem eines: menschlich.

Redaktion: Magdalena Pötsch

Vielen Dank an Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin i. A. u. S. Sarah Rubenthaler

„Jeden Tag am Schulhof: Beleidigungen wie‚Pickelgesicht‘ oder ‚Minenfeld‘ waren an der Tagesordnung“, erinnert sich die 27-jährige Saskia ganz genau. Obwohl die Akne mittlerweile nicht mehr so stark und eher in Form von Narben zu sehen ist, spürt sie bis heute oft noch die Blicke in der U-Bahn, die an ihrem vermeintlichen Makel hängen bleiben. Viele können die Situation wahrscheinlich nachvollziehen, dass man mit unreiner Haut oder einem sonstigen vermeintlichen Makel meint, dass alle Menschen nur genau dorthin sehen – Blicke, die wir bis unter die Haut spüren und die uns abwechselnd heiß und kalt werden lassen. Was zunächst nicht so schlimm wie das Mobbing, das man sonst aus medialer Darstellung kennt, klingt, hat tatsächlich gravierende Folgen: „Akneshaming ist natürlich eine Form von Mobbing, indem man jemanden wiederholt wegen vermeintlicher Unzulänglichkeiten verspottet oder ihm verachtende und offensichtlich unangenehme Blicke zuwirft. Das kann bei den Betroffenen unter Umständen zu gravierenden seelischen Verletzungen führen“, weiß Psychotherapeutin Sarah Rubenthaler, die selbst lange unter Akne gelitten hat und daher auch einen ganz persönlichen Zugang zu dieser Thematik hat.

Wer bestimmt, was die Norm ist?

Es ist die Rede von „vermeintlichen“ Unzulänglichkeiten, denn wer bestimmt schon, wem oder welcher „Norm“ wir genügen müssen? Und wer bestimmt, was „normal“ ist und was nicht? Es geht hier um fiktive bzw. medial und gesellschaftlich konstruierte Normen, die schon so früh in uns
verankert werden, dass wir glauben, diesen Normen genügen zu müssen. „Schon ganz früh in unserer Kindheit werden wir geprägt bezüglich dessen, was Schönheit ist. Menschen werden kategorisiert. Wenn jemand nicht diesen Normen entspricht, machen sich manche darüber lustig – oft, um ihr eigenes Ego auf Kosten anderer zu erhöhen“, erklärt die Psychotherapeutin. Das Problem mit Normen: Nicht nur die anderen, sondern auch wir selbst kategorisieren uns in den Normen und glauben, ebendiesen gerecht werden zu müssen. „Das merkt man deutlich an Social Media, wo man zahlreiche Filter drüberlegt, mit Facetune oder Photoshop vermeintliche Makel bearbeitet und so weiter. Das zeigt, welche Bedeutung reine Haut für uns Menschen hat. Wir sind also ohnehin schon unsicher – und wenn man dann noch von außen Beleidigungen hört oder Blicke spürt, wird dieser Effekt verstärkt. Genau solche Beleidigungen können sich nachhaltig auf unser Selbstwertgefühl auswirken“, erklärt Sarah Rubenthaler.

Wie wir uns vor Akneshamern schützen können

Beleidigungen tun dann besonders weh, wenn wir den angegriffenen Makel auch selbst als solchen sehen. Das heißt: In einer Welt, die von unseren Selbstzweifeln profitiert, ist Selbstliebe ziemlich
rebellisch – und es steckt doch in allen von uns eine kleine Rebellin, nicht wahr? Der beste
Selbstschutz vor Beleidigungen ist also nicht, die Akne zu überschminken und sich hinter Make-up zu verstecken, sondern sich die Angriffsfläche zu eigen zu machen – im Reinen mit der unreinen Haut zu sein. Doch jede, die schon einmal unter Akne leiden musste – und das sind die meisten von uns –, weiß: Das ist leichter gesagt als getan – auch aus psychologischer Sicht: „Der Kampf mit Schönheitsidealen, Normen und daraus resultierenden Beleidigungen ist schon eine Odyssee, die ihre Spuren hinterlassen kann“, weiß die Psychotherapeutin und rät, sich darüber im Klaren zu sein, dass es bei einem gesunden Körperbild immer um die Ganzheit des Körpers geht. Das bedeutet, dass man eine positive Grundeinstellung zu seinem Körper hat, auch wenn dieser nicht vollkommen ist – das heisst, dass man lernt, sich selbst so zu nehmen, wie man als Ganzheit ist, und sich nicht auf seine Pickel fokussiert und reduziert “. Übersetzt könnte der Gedankengang lauten: „Ja, ich habe unreine Haut. Das ist nun mal so und dagegen kann ich nichts machen, aber ich bin ein empathischer Mensch, der andere zum Lachen bringen kann. Und meine Nase und Haare finde ich auch toll!“

Wie wir uns selbst lieben lernen

In einer Welt, in der wir mit gefilterten und weichgezeichneten Bildern von scheinbar makellosen und allen Normen entsprechenden Menschen zugespammt werden, kann es allerdings schwierig sein, genau das zu verinnerlichen, was wir in der Theorie alle schon wissen: Wir sind ganze Einheiten, die nicht nur von der äußeren Hülle bestimmt und darauf reduziert werden sollen. So banal es klingt, aber genau hier kann es helfen, wenn Celebritys diesen Gedanken vorleben – wie Kendall Jenner es kürzlich auf dem roten Teppich getan hat: Weil sie sich mit deutlich sichtbarer Akne ablichten ließ, regnete es im Netz Hasskommentare. Kendall scheint diese Angriffsfläche aber zum positiven Teil ihres Selbstbilds gemacht zu haben, wie Psychotherapeutin Sarah Rubenthaler verdeutlicht: „Sie selbst geht selbstbewusst damit um. Es ist gut und wichtig, wenn Stars eine Vorreiterrolle einnehmen. Sie erreichen ein größeres Publikum und können wichtige gesellschaftliche Bewegungen unter-stützen. Wenn man sieht, dass selbst eine wunderschöne Kendall Jenner von natürlichen Phänomenen wie Akne nicht verschont bleibt, fühlt sich eine Betroffene vielleicht nicht mehr so benachteiligt. Es ist wichtig, zu zeigen, dass Pickel, Speckröllchen oder Cellulitis einfach zu einem menschlichen Körper dazugehören.“  Und obwohl wir die Worte der Psychotherapeutin vielleicht gerade bejahend nickend lesen und das grundsätzlich schon wissen: Vielleicht braucht es genau das. Immer wieder zu betonen: „Makellosigkeit ist nicht normal. Die Realität sieht anders aus. Es ist besonders dem Einfluss der Medien zuzuschreiben, wie Schönheitsideale definiert werden. Menschen orientieren sich an diesen nicht realen, virtuellen Idealen. Diese unerreichbare Makellosigkeit kann zu einem gestörten Selbstbild führen. Daher ist es besonders für Frauenmagazine wichtig, immer wieder zu betonen: Es ist normal. Akne ist menschlich.“ In diesem Sinne: Wir müssen nicht irgendwelchen fiktiven Normen genügen und sind so viel mehr als Akne. Wir als Ganzes sind genug. Du als Ganzes bist genug.

Zur Homepage von Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin i. A. u. S. Sarah Rubenthaler geht’s hier: https://psychoanalytikerin-wien.at/