Mal sind wir in Beziehungen, dann wieder Single, dann wieder happy together – das Liebes-Auf und -Ab haben wohl die meisten schon erlebt. Bei manchen Menschen ist das aber anders, sie scheinen sich kaum oder gar nicht in Partnerschaften zu sehen. Generell ist das natürlich keinesfalls als negativ einzustufen – jeder Mensch darf und kann frei entscheiden, in welchem Beziehungskonstrukt er oder sie sich wohlfühlt. Genau auf dieses „Wohlgefühl“ gilt es zu achten: Wenn der einzige Dauersingle im Freundeskreis aber zu leiden beginnt, weil es bei ihm nicht klappen mag, sollte er oder sie ganz genau in sich hineinhören – und handeln:

Wenn man selber unter seiner Beziehungsangst leidet, weil man zwar gerne eine Beziehung hätte, aber entweder gar keine Nähe „zulassen“ kann oder sich von einem One Night Stand zum nächsten hantelt, sei es laut Psychotherapeutin Dr. Monika Wogrolly zunächst wichtig, die Wurzeln der Beziehungsangst zu erkennen. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, sah einen engen Zusammenhang von Angst und Lust. Jemand, der Angst vor Bindung (z. B. in einer Partnerschaft) hat, getraut sich oft nicht, sich das einzugestehen, dass er ja eigentlich eine geheime Lust darauf hat und sich nichts sehnlicher wünscht. Der Wunsch, die Lust werden verdrängt. Denn: Man geht ja schließlich immer ein Risiko ein, wenn man eine Beziehung eingeht. Die größten damit verbundenen Gefahren sind Abhängigkeit vom Partner und der Verlust der Beziehung, das Verlassen-Werden, so die Therapeutin.

Menschen, die zu Dr. Wogrolly kommen weil sie leiden, rät sie, zunächst zu sich selbst zu finden. Wie das geht? Indem man sich anschaut, wie die Beziehung zu einem selbst ist. Ob ich mich tatsächlich gleich gut behandle wie eine Freundin oder ob ich mir Gefühle nicht erlaube, aus Angst vor Enttäuschung, Verlust, seelischen Schmerzen und deshalb eine „Objektbeziehung“ einer erfüllten Liebe vorziehe. Da einem Menschen der Partner nicht so weh tun kann, wenn er ihn konsumiert und zum Gebrauchsgegenstand bzw. Objekt der Bedürfnisbefriedigung macht, als wenn er ihn wirklich an sich heran- und in sein Herz lässt. Wer keine Beziehungen hat, obwohl er die Möglichkeit hätte, soll sich laut Dr. Wogrolly fragen, was er wirklich will. Liebe sei immer eine Entscheidung.

Therapie bei Bindungsangst nötig

Bindungsangst sollte therapiert werden, wenn ein Mensch sich selbst dadurch am Glück hindert. Ein sicherer Hinweis darauf, dass eine Person in Psychotherapie gehen sollte, sind ein krankhaftes Vermeidungsverhalten und langfristiger sozialer Rückzug. Wenn sich jemand aus Bindungsangst abkapselt, ist Alarmstufe rot. Dann sollte man ihn oder sie therapeutisch aus der Reserve locken und intensiv am Wiederaufbau des verlorenen Vertrauens arbeiten.

Die Ursachen für Bindungs/Beziehungsangst sieht Dr. Wogrolly meist in Kränkungen und Enttäuschungen, oft bereits in der Kindheit. Wenn ein Kind darauf konditioniert wird, weil es das immer wieder so erlebt, dass eine Bezugsperson es eines Tages grundlos verlässt (durch Tod, Trennung der Eltern, andere Gründe) entwickelt dieser Mensch dann häufig als Erwachsener so ein Selbstbild. In ihrem neuen Buch „Die Beziehungsformel“ bezeichnet sie das als einen „Fluch wie im Märchen von Dornröschen“ – wenn die betroffene Person über sich selbst denkt: „Mich verlässt eh jeder irgendwann“. Und sich selbst als wertlos erlebt, weil sie schon in der Kindheit keine stabilen beständigen Beziehungserfahrungen sammeln konnte.

Gute Chancen auf Heilung

Die gute Nachricht: Heilung sei laut Dr. Wogrolly fast immer möglich, sobald man seinen „inneren Entwurf“, die schief gelaufene „Beziehungsformel“ entdeckt, sie sich bewusst macht und sich dann nach und nach davon befreit. Und jetzt die nicht ganz so gute Nachricht: Eingefahrene Denk- und Verhaltensmuster sind nicht im Handumdrehen auszulöschen und durch neue zu ersetzen. Das ist ein Wachstum, ein Reifungsprozess, den die betreffende Person auch wollen soll, denn Psychotherapie funktioniert nur als gemeinsames Projekt von Therapeutin und Klientin. Es soll eine Art „Trockentraining“ sein: Mit der Therapeutin wird z. B. „Vertrauen“ und „Beziehung“ trainiert, wird die Angst vor dem Zurückgewiesen-Werden oder Scheitern vorweg genommen, analysiert und emotional integriert. Die Angst vor Beziehung wird allmählich in Lust auf Beziehung verwandelt.

Was sind die Anzeichen einer Beziehungsangst?

Hinweise sind:

  • Starrer On-Off-Modus in Beziehungen oder
  • Immer falsche Partnerwahl („Immer gerate ich an dieselben…“) oder
  • Vermeidungsverhalten (Rückzug, bevor es „richtig ernst“ wird)
  • Selbstbild der Prinzessin auf der Erbse (Glaubenssätze wie „Ich finde nie den Richtigen“, „Mit mir hält es keiner aus“. Oder „Meine hohen Ansprüche kann niemand erfüllen“
  • Selbstbild des Opfers (Glaubenssätze: „Mir ist das Glück nicht gegönnt“, „Mich verlassen immer alle“, „Ich mache immer plötzlich Schluss“)
  • Selbstbild des Aschenputtels („Niemand erkennt meinen Wert“)

Handelt es sich „nur“ um Unsicherheit, ist alles im grünen Bereich. Handelt es sich tatsächlich um Angst wohl vielfach im roten. Unsicherheit macht uns vorsichtig, Angst kann uns lähmen und einsperren. Bei inneren Blockaden ist Therapie angezeigt, um uns für unser Beziehungsglück von den Schatten alter Beziehungsformeln zu befreien und diese inneren Glaubenssätze und somit die Beziehung zu uns selbst in ihre Bestform zu bringen.

Zur Person: Dr. Monika Wogrolly ist Psychotherapeutin in Graz, Wien und St. Radegund und Autorin. In ihrem Buch „Die Beziehungsformel“ thematisiert sie, wie es gelingen kann, hemmende Beziehungsmuster aufzuheben und positive Kräfte freizusetzen, die helfen, das Leben aktiv und selbstbestimmt zu gestalten.