Bringt das wirklich etwas, wenn ich den ­teureren FAIRTRADE-Kaffee kaufe? Bei den unzähligen Zertifizierungen und Siegeln kennt man sich ja auch nicht mehr aus – und verlassen kann man sich wahrscheinlich auch nicht drauf. Alles nur Marketing, und am Ende profitiert wahrscheinlich auch ein großer Konzern“ – Gedanken, die den meisten von uns vor dem ­Kaffeeregal im Supermarkt schon mal durch den Kopf gegeistert sind.

„Und überhaupt: Wo kommt das Produkt eigentlich her?“ Das ist eine Frage, auf die die Gesellschaft dank des Trends zu mehr Nachhaltigkeit in den vergangenen Jahren sensibilisiert wurde. Aber wo kommen die drei Tassen Kaffee, die wir Österreicher im Schnitt täglich trinken, denn nun wirklich her?

Woher kommt FAIRTRADE-Kaffee?

„Das ist eine äthiopische Spezialität – die African Massage“, scherzt Getahun Gebrekidan, Business Development Adviser vom Produzenten-Netzwerk FAIRTRADE Africa, über die rüttelige Autofahrt über schlechte Straßen und zahlreiche Schlaglöcher, die den Weg von der Hauptstadt Addis Abeba in Richtung Kaffeeanbaugebiet prägen. Etwa acht Stunden Autofahrt in Richtung Süden wächst der Kaffee auf einer Höhe von 1.500 bis 2.000 Metern in unmittelbarer Nähe der letzten Bergwälder, die mit ihrem satten Grün in Kontrast zu dem lehmigen Braun stehen – landschaftlich ist die Provinz Oromia schon fast kitschig. Vom Namen der Provinz kommt auch der Name der Kaffee-Union: Die Kooperative Oromia Coffee Farmers Cooperative ­Union (OCFCU) ist ein Zusammenschluss von 405 Kaffee-Kooperativen, 47 davon und somit 37.000 Haushalte sind Fair-Trade. Einer von ihnen ist Bedhaso Denbi, den wir bei der Ernte auf dem Feld direkt hinter seiner Hütte antreffen. Die Produzenten der Oromia Union sind allesamt Kleinproduzenten mit 0,5 bis fünf Hektar Land. Bedhaso Denbi zählt mit seinen fünf Hektar zu den größeren Kaffeebauern. Neben Kaffee baut er auch noch zahlreiche Obst- und Gemüsesorten wie Bananen, Mais, Zwiebeln oder Kartoffeln an. „Zum einen, weil ich das für den Eigenverbrauch für mich und meine 15 Kinder brauche, und zum anderen, weil es zu riskant wäre, sich von einem einzigen Produkt abhängig zu machen“, erklärt er und spricht damit den aktuell niedrigen Kaffeepreis an. Ebendiesen bekommt Denbi ausbezahlt, wenn er seine roten Kaffeekirschen in die Weiterverarbeitungsanlage bringt.

Die Oromia Union wird täglich über den aktuellen Kaffeepreis an der Börse in New York informiert und gibt diese Information an die ­einzelnen Kooperativen weiter, sodass der Preis, den Denbi und die anderen Kaffeebauern ausbezahlt bekommen, jeden Tag ein anderer sein kann. Heute ist der Preis mit 16 Birr (äthiopische Währung) pro Kilo Kaffeekirschen relativ gut – das entspricht 50 Cent pro handgepflücktem, qualitativ hochwertigem Kilo Kaffee. Diese 50 Cent Weltmarktpreis bekommen alle Bauern, die an diese Weiterverarbeitungsanlage anliefern – egal, ob FAIRTRADE oder nicht –, weil man noch nicht weiß, ob Bedhaso den bis Kaffee auch wirklich zu FAIRTRADE-Preisen exportiert werden kann. Von den 300.000 Tonnen Kaffee, die die Oromia Union jährlich exportiert, sind rund zehn Prozent von FAIRTRADE-Bauern. Die Nachfrage nach FAIRTRADE-Kaffee ist auf dem Weltmarkt allerdings noch nicht so groß, sodass nur etwa die Hälfte von Bedhaso Denbis Kaffee auch tatsächlich zu einem höheren Preis verkauft werden kann. Einmal jährlich bekommen Bauern wie Denbi dann eine Dividende ausbezahlt – je nachdem, wie viel ihres Kaffees zu FAIRTRADE-Preisen verkauft werden konnte. Das sind zwei Birr, also sechs Cent, pro Kilo extra. Wenn Bedhaso Denbi seine Kaffeekirschen übergibt, kann er also nur hoffen, dass die Nachfrage nach FAIRTRADE-Kaffee am Weltmarkt steigt und seine Bohnen tatsächlich um den Preis, den sie im Anbau auch wirklich wert sind, verkauft werden.

Wie hochwertig ist FAIRTRADE-Kaffee?

In der Weiterverarbeitungsanlage wird erst das Fruchtfleisch maschinell von den Bohnen getrennt, bevor die Bohnen 36 bis 72 Stunden im Wasser fermentieren. Danach wird die Bohne gewaschen. Arbeiter in der Waschanlage bekommen einen Tageslohn von circa 30 Birr ausgezahlt – das sind umgerechnet 90 Cent; das liegt somit auch in Äthiopien unter der Armutsgrenze von einem Euro pro Tag. FAIRTRADE Africa kümmert sich mit seinem Benefit-Programm ausschließlich um Bauern, die die Kaffeepflanze anbauen – nicht aber um ­Arbeiter, die danach in der Wertschöpfungskette folgen, und das sind einige: Nach dem Waschen werden die Bohnen getrocknet, bevor sie zur Qualitätskontrolle und zum Abpacken in die Hauptstadt Addis Abeba transportiert werden. Seit Bedhaso Denbi die Kirschen gepflückt hat, ist gut eine Woche vergangen und seine Kaffeebohnen werden auf den Export vorbereitet. Maschinell und per Hand, von 90 Prozent weiblichen Saisonarbeiterinnen, werden noch mal alle Bohnen auf ihre Qualität geprüft. All diese zur Aufbereitung und Qualitätssicherung notwendigen Schritte haben einen Preis – der leider nicht immer bezahlt wird, weil der Weltkaffee­preis extrem gedrückt wird. Alleine in den letzten drei Jahren hat sich der Weltkaffeepreis auf die Hälfte ­reduziert. Aktuell liegt der Börsenpreis bei 1,50 Dollar pro Pfund. Ginge es nach Bedhaso Denbi, „wären 3,70 Dollar als Weltkaffeepreis fair, um davon leben zu können. Der aktuelle Weltkaffeepreis ist einfach unfair!“

Wer profitiert wirklich davon?

Bleibt die Frage: Wie landet das Geld, das wir im Supermarkt als Mehrpreis für FAIRTRADE-Kaffee bezahlen, tatsächlich bei Bedhaso Denbi und seiner Familie? Zum einen wird ihm von der Kooperative die jährliche Dividende ausbezahlt – basierend darauf, wie viel Kilo seines Kaffees tatsächlich als FAIRTRADE-Kaffee verkauft und exportiert werden konnten. Zum anderen bezahlt der einkaufende Händler einen Aufpreis von 20 Dollar FAIRTRADE-Prämie pro 45-Kilo-Sack. Ein Teil davon fließt in die Qualitätssicherung und Ertrags­steigerung und der Rest „in Projekte für unsere Community, weswegen ich durch FAIRTRADE am Ende des Tages – trotz schlechten Weltmarktpreises – ­Veränderungen merke. Meine Tochter Kuftu Bedhaso musste 42 Kilometer zur Schule gehen. Mit der FAIRTRADE-Prämie wurde hier bei uns im Dorf eine Schule geschaffen, sodass sie jetzt nur noch einen Schulweg von zwei Kilometern hat“, erzählt Bedhaso Denbi ­lächelnd und sichtlich stolz, denn: „Ich möchte mal Ärztin oder Krankenschwester werden“, weiß die 16-Jährige Kuftu schon genau, die uns eine kurze Führung durch die Schule gibt. „Es gibt sogar Toiletten und eine Bibliothek“, sagt sie lächelnd. „Was fehlt, ist Equipment für Computerklassen, aber wir unterrichten unsere Schüler bestmöglich mit dem, was wir ­haben“, fügt ihr Lehrer und Schuldirektor hinzu und erzählt stolz: „1.670 Schüler haben bei uns schon die Schule abgeschlossen!“ Und wie es aussieht, ist die ehrgeizige Kuftu bald eine weitere Absolventin, denn sie will später nicht an derKaffee-Wertschöpfungskette arbeiten – die Aussichten sind ihr zu schlecht.

Ist FAIRTRADE ein Tropfen auf den heißen Stein?

Dass durch Organisationen wie FAIRTRADE Africa jeder an der Wertschöpfungskette genug verdient, ist eine zu romantische Vorstellung, aber: Sie tun das, was ­abhängig von globalen Entwicklungen im Rahmen des Möglichen ist, setzen bei den Kleinbauern an – und arbeiten ständig daran, das zu verbessern: „FAIRTRADE-Kaffee stammt immer von Kleinbauern. Sie und die Communitys sind die, bei denen die Prämie ankommt. Würde ich mir wünschen, dass jeder Beteiligte bei der Wertschöpfungskette und Weiterverarbeitung gerechtere Löhne bekommt? Absolut – aber das liegt leider nicht nur in unserer Hand“, sagt Mag. Hartwig Kirner, Geschäftsführer FAIRTRADE Österreich. Fakt ist: Es ist wichtig, dass es FAIRTRADE gibt – und nur, wenn die Nachfrage steigt, kann am Ende des Tages mehr bei Kaffeebauern wie Bedhaso Denbi landen, denn: „Fair Trade ist ein Prozess“, erklärt Hartwig Kirner. „Und der kann nur funktionieren, wenn diesen Prozess möglichst viele unterstützen“ – ein Gedanke, den wir uns beim nächs­ten Mal, wenn wir vor dem Kaffeeregal stehen und überlegen, ob es das nun wirklich wert ist, in Erinnerung rufen werden …


200 Kilometer südlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba, in der Provinz Oromia, ist der Ursprung der Arabica-Bohne.

Die reifen, roten Kaffee­kirschen werden in der Weiter­verarbeitungsanlage abgewogen. Der Bauer bekommt je nach Größe der Lieferung den täglichen Weltkaffeepreis bar ausbezahlt.

Nachdem das Fruchtfleisch von der Bohne getrennt wurde, wird der ­Kaffee gewaschen. Der Tageslohn eines Waschanlagenmitarbeiters liegt mit 90 Cent pro Tag unter der Armutsgrenze.

Je nach Wetter werden die Bohnen bis zu eine Woche lang in der Sonne getrocknet …

… bevor sie verladen und in die Fabrik in der Hauptstadt transportiert werden.

In Addis Abeba erfolgt die letzte maschinelle und händische Qualitätskontrolle...

...bevor die Bohnen verpackt und exportiert werden.

Basics wie Tafel und Kreide sind vorhanden. Was fehlt, sind funktionierende Computer.

Kuftu Bedhaso (16) hilft neben der Schule ihrem Vater bei der Kaffee-Ernte. Sie selbst will aber Ärztin werden.

Auf die ­Bibliothek ist das Schulpersonal besonders stolz.

Mit aktuell 512 Schülern ist die Kapazität voll ausgelastet.