Ich erinnere mich noch, als ich das erste Mal von diesem Ort gehört habe. Ein Ort, der elektronische Musik in Berlin spielt, sich dennoch von anderen Clubs abzuheben scheint. Zwar gibt es, vor allem in Berlin, oft abgedunkelte Räume in Clubs, in denen man, wenn man möchte, miteinander schlafen kann. Nur wusste ich nicht, dass es einen Club gibt, der den Fokus auf Konsens, Sex und Fetisch legt. Mittlerweile war ich bald zwei Jahre damit vertraut, dass er existiert. Und vor kurzem habe ich es endlich geschafft, ihn zu besuchen. 

Vor zwei Jahren war ich noch um einiges jünger, naiver und unerfahrener. Da beschränkte sich mein Horizont darauf, dass diesen Ort nur Männer besuchen, die bereits höheren Alters waren und sich noch einmal richtig austoben wollen. Mit jungen Mädchen, die sich ausprobieren und denen sie, klarerweise, nichts bezahlen müssen. Aber je älter ich wurde und je aufgeschlossener ich mit meiner Sexualität umging, desto mehr realisierte ich, dass ein Club, der Sex-Partys schmeißt, nicht für alte, weiße Männer in Deutschland ist. Es ist ein Ort, an dem sich alle Menschen begegnen können, in einem Rahmen, der privat, fast familiär und angenehm neutral ist. Sie haben etwas geschaffen, wo Menschen sich nicht für sexuelle Orientierungen, Neigungen und Vorlieben rechtfertigen müssen. Ein Club, an dem alles kann, aber nichts muss. 

Ich wusste, was passieren kann, aber nicht, was mich tatsächlich erwartet

Mein Freund und ich haben oft darüber geredet, dass wir wissen wollen, wie es sein muss dort zu sein. Wie es sich anfühlt, ohne wirklich zu wissen, was einen erwartet. Ich wusste zwar, was passieren kann, aber ich hatte keine Ahnung, was tatsächlich in diesem Club vor sich geht. Woher auch, ich war damals noch nie dort, viel darüber lesen kann man nicht und alle Menschen, die ich kenne, die bereits dort gewesen sind, meinen: “Um zu verstehen, wie dieser Ort funktioniert, muss man selbst dort gewesen sein.”

Wir wussten zwar, dass wir definitiv gehen werden, nur wussten wir nicht, wann. Da dieser Club, zumindest samstags, eine strenge Kleiderordnung hat, war klar, dass man dafür einkaufen gehen muss. Die Richtlinie sagt, dass man erst dann rein gelassen wird, wenn man nackt, in Unterwäsche oder Fetisch-Kleidung auftaucht. Und da dieser Ort sehr beliebt ist, sollte man seine Chancen erhöhen und nicht nur mit der Unterwäsche auftauchen, die man sonst so trägt. Nur hatten wir es bislang weder geschafft, einkaufen zu gehen, noch, einen freien Samstag zu finden, an dem wir gehen konnten. Es schien fast so als würde sich der Plan, den Club zu besuchen, noch weiter in die Länge ziehen. Bis zu einem Abend, an dem sich Spontanität bezahlt gemacht hatte.

Wir waren gerade etwas trinken mit einem seiner Freunde. Ich kannte ihn bereits von Erzählungen, aber erst seit diesem Abend persönlich. Wir tranken Bier und redeten über alles, was uns durch den Kopf ging. Und je später es wurde, desto interessanter wurde die Unterhaltung. Er lebt schon sehr lange in Berlin und erzählte von allen Orten, an denen er schon war. In Clubs, die nur wenige Leute kennen, Bars, von denen man nirgendwo lesen kann und dem einen Ort, an dem Sex auf elektronische Musik trifft. Er meinte, er ist oft in diesem Club und, dass dort Sachen passieren, die man sich zuvor nie gedacht hatte. Er begann darüber zu reden, was er alles bereits dort gesehen, erlebt und verstanden hatte. Und je länger das Gespräch wurde, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass ich endlich mit eigenen Augen sehen muss, was dort passiert. Wenig später waren wir am Weg in die Köpenicker Straße und ich wusste, dass die erste Hürde die wird, reinzukommen.

So fühlt sich die Tür einer Sex-Party an

Als wir angekommen waren, kamen wir schnell dran. Wir waren eine Frau und zwei Männer – wir wurden befragt, ob wir wissen, was für eine Art Club das ist. Und, ob wir schon einmal da waren. Wir redeten kurz mit dem Türsteher und ich hatte schnell das Gefühl, es ist wichtig, dass hier nur Leute reingelassen werden, die wissen, wo sie gelandet sind. Es wird sehr darauf geachtet, dass sich niemand dorthin verirrt, der einfach nur in einen Techno-Club wollte – oder andere Absichten hat.

Später meinte der Türsteher, dass es eine Kleidervorschrift gibt und, ob wir das eh wissen. Ich hatte generell ein sehr knappes, schwarzes Shirt an, das eher als BH funktioniert. Somit hatte ich nicht wirklich ein Problem, reingelassen zu werden. Den Männern wurde gesagt, dass sie sich ausziehen müssen. Da es nicht Samstag war, also keiner der Abende, an denen die Schlange normalerweise endlos ist, die Türsteher extrem streng sind und die Fetisch-Outfits sich gegenseitig übertrumpfen, wusste ich, dass es auch am Tag liegen musste, wieso wir so leicht reingekommen sind. Daran und, weil wir uns der Situation bewusst waren.

Vieles, was dort passiert ist

Als wir drinnen waren, sind mir zu allererst die Menschen aufgefallen, die auffällig gekleidet waren. Von Lack und Leder, bis hin zu Masken, die ich so noch nie gesehen habe. Ich habe schnell verstanden, dass man sich hier so zeigt, wie man will. Und das kann unterschiedlich aussehen. Während sich manche viel Mühe geben, die außergewöhnlichsten Outfits anzuhaben, finden andere, dass schwarze, sexy Unterwäsche ausreicht. Hier wird suggeriert, dass du alles tragen kannst, was du möchtest, solange du Haut zeigst.

Auf der Tanzfläche angekommen, setze ich mich erstmal an die Bar daneben und schaute, was passiert. Es waren viele Menschen, die sich geküsst haben. Aber nicht, wie man es von anderen Clubs kennt. Sondern extrem intensiv und so, als wären sie gerade nur zu zweit. Es küssten sich Menschen jedes Geschlechts, sexueller Orientierung und Herkunft. Auch, als ich später gesehen habe, dass zwei Männer Oralsex miteinander hatten, war ich nicht überrascht – im Gegenteil. Es gab viele Möglichkeiten zu sitzen neben der Tanzfläche und auf der einen Couch auf der mein Freund und ich gesessen sind, wurde nebenan miteinander geschlafen. Gefühlt einen Zentimeter neben uns hatten zwei Leute Sex, die sich kurz zuvor kennen gelernt haben. Ein paar Leute schauten zu, viele jedoch tanzten einfach zur Musik.

Je später es wurde, umso mehr entdeckte ich. Wie drei Mädchen, die einem Käfig miteinander schliefen oder einen Mann, der, während er in einer Runde Menschen saß und sprach, einfach begonnen hat, mit dem Mädchen daneben zu schlafen. Aber das Gespräch kippte nicht, es wurde einfach so weitergeführt wie zuvor. Es wurden nur mehr Leute, die begonnen hatten zuzusehen. Das ist ein Ding, was dort Gang und Gebe ist. Es wird, egal, was du tust, dir dabei zugesehen. Viele Menschen, die dort hinkommen, sind nur da, um zuzusehen. Um Sex, den andere Menschen miteinander haben, direkt zu beobachten. Und um vielleicht auch irgendwie Teil von der Sache zu werden. Denn ich beobachtete auch, dass wenn zwei Leute Sex hatten, andere Menschen kamen, die gerne mitmachen wollten. Und dann kann es schon einmal passieren, dass, wenn die Frau das möchte, sich der Sex-Partner innerhalb kürzester Zeit ständig wechselt. Da habe ich aber bemerkt, dass nichts passiert, ohne, dass zuerst gefragt wird. Das ist zwar eine Sache, die normal und wichtig sein sollte, mich aber dennoch fast überrascht hat. Ich habe selten so viel Respekt anderen Menschen gegenüber erlebt wie in diesem Club. Auch habe ich ihn, am eigenen Leib erfahren.

Wie es war, dort mit meinem Freund Sex zu haben

Irgendwann sind wir auf einer Couch gelegen und haben geredet. In einem Bereich, der etwas weiter oben war und von dem man die Tanzfläche gut beobachten konnte. Es gab nichts außer Couches. Hier sind viele Menschen gelegen, haben geredet und sich geküsst. Sex hatte dort noch niemand. Da mein Freund und ich sexuell offen sind und wir davor darüber gesprochen haben, dass wir beide ausprobieren wollen, wie es ist, dort miteinander zu schlafen, taten wir es. Und als wir begannen miteinander zu schlafen, habe ich bemerkt, wie sich Menschen um uns herum ansammelten und einfach zusahen. So, als würden sie sonst nie etwas anderes machen. Ich wusste davor nicht, wie die Situation sein wird. Einfach, weil ich noch nie so etwas erlebt hatte. Zwar hätte ich mir nicht gedacht, dass ich schlecht darauf reagiere, nur war ich trotzdem fast überrascht, dass es mir so egal war. Es war einfach OK, weil es gepasst hat. Weil dieser Club dir ein ganz anderes Gefühl gibt, als ich zuvor kannte. Man fühlt sich in einem Setting wohl, dass eigentlich von der Gesellschaft immer als unangenehm suggeriert wurde. 

Irgendwann kam dann ein junger Mann zu uns und fragte mich, ob er mich berühren darf. Einfach auf den Armen, Beinen und am Oberkörper. Ich glaube schon, dass er mitmachen wollte, aber er beschränkte sich anfangs nur darauf. Ich habe meinen Freund gesagt, dass es für mich in Ordnung wäre und er willigte ein. Also schlief ich mit meinem Freund, während ein anderer Mann mich streichelte. Das klingt, selbst, wenn ich es hier schreibe, fast seltsam. Aber in diesem Moment hat es gepasst und ich glaube auch, dass es nur dann seltsam klingt, wenn man noch nicht in der Situation war. Spätestens dann weiß man, ob man es möchte oder nicht. Dann kam auch ein Mädchen, das neben mir saß und zusah, ins Gespräch. Ich redete, während ich Sex hatte, mit ihr. Sie meinte, sie sehe gerade gerne zu. Und, dass sie meistens eigentlich nur hier ist um zuzusehen.

Das oberste Gebot ist Konsens

Ich habe verstanden, dass es dort nicht darum geht, Sex zu haben. Sondern, um das Ausleben von Dingen, die man gerne tun würde. Von Outfits, die man gerne tragen will und dem Austoben von der Person, die man ist, ohne, dass man verurteilt wird. Es ist ein sicherer Ort, der einen dazu einlädt, sich gehen zu lassen. Und obwohl man fast nichts anhat, gibt dir dort – anders als unsere Gesellschaft – niemand das Gefühl unsicher sein zu müsesen. Es herrschen dort andere Gesetze und ich kann erst jetzt nachvollziehen, warum mir gesagt wurde, dass man dort gewesen sein musste um es zu verstehen.

Da ich selbst weiblich und jung bin, kam es mir anfangs suspekt vor in einem fast öffentlichen Rahmen mit jemandem zu schlafen, ohne mich unwohl zu fühlen. Vor allem, weil Frauen generell in Clubs noch mehr sexualisiert werden als das ohnehin im Alltag schon oft genug vorkommt. Da passiert es oft, dass man sich vor kommt, wie ein Stück Fleisch, das objektiviert wird. Ich habe mich gefragt, wie an einem Ort, an dem Sex im Mittelpunkt steht, Frauen mit Respekt behandelt werden können. Aber ich muss wirklich sagen, dass ich selten in einem Club war, an dem Gleichberechtigung so wichtig ist. Hier werden, wenn es so gewünscht wird, beide Menschen objektiviert oder auch keiner. 

Hinzu kommt, dass Menschen, die dort arbeiten, immer wieder Runden drehen, um sich zu vergewissern, dass es allen gut geht. Dass nichts passiert, ohne beidseitige Einwilligung. Ich habe mich extrem wohl gefühlt, wahrscheinlich sogar wohler als in anderen Clubs. Konsens wird hier durch und durch gelebt – von jedem Menschen. Und deshalb ist die Tür auch so wichtig und streng. Weil sie selektieren, um Sicherheit bieten zu können. Eine Erfahrung, die ich so nicht missen möchte und die mir gezeigt hat, dass nur, weil man etwas nicht kennt, es nicht gleich schlecht, böse oder verwerflich sein muss.