Stell dir vor, du denkst den ganzen Tag an Sex. Und es bleibt nicht nur beim Gedanken – du willst auch den ganzen Tag Sex haben. Was für die meisten wie ein Luxusproblem klingt, ist für Betroffene schwer, denn Hypersexualität – ein übermäßig starker Geschlechtstrieb – ist keine sexuelle Spielart, sondern eine Krankheit. Ein anonymer Sexsüchtiger im Interview.

Wann hast du gemerkt, dass du nicht nur gerne Sex hast, sondern sexsüchtig bist?

„Mit 24 habe ich einen Selbsttest von der Selbsthilfegruppe „Anonyme Sexsüchtige“ in die Hände bekommen – da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.“

Was waren die ersten Gedanken, die dir damals durch den Kopf gegangen sind?

„Das ist nun über neun Jahre her, aber es war für mich eine Erleichterung, denn plötzlich hatte ich etwas Greifbares, ein Krankheitsbild. Ich wusste immer schon, dass irgendwas mit mir nicht stimmte. Ich schöpfte Hoffnung, dass es eine Lösung geben muss, wenn ich endlich weiß, woran ich genau leide. Ich wusste nur noch nicht, dass das Problem viel tiefer liegt und die Sucht eigentlich nur das Symptom ist.“

Woran erkennt man denn, dass es eine Sucht ist?

„Sucht ist es, wenn man die Kontrolle verloren hat. Wenn man das, was man tut, nicht mehr tun will, aber trotzdem nicht mehr aufhören kann.“

Wie hat sich das bei dir geäußert?

„So wie einer lieber Wein trinkt und der andere Wodka, ist es auch bei der Sexsucht: ob zwanghafter Pornografiekonsum, wo Selbstbefriedigung immer mehr zur Selbstverstümmelung wird, oder die zwanghafte Suche nach Sexpartnerinnen. Auch Besuche in Bordellen, wenn die erste Suche erfolglos war, oder Sex mit Transvestiten. Bei mir war all das der Fall, aber es gibt natürlich noch andere „Spielarten“; Exhibitionismus, Sadomaso und vieles mehr.“

Inwieweit hat die Sucht dein Leben bestimmt?

„Es hat viel Zeit, Energie und Geld gekostet. Mein seelischer Zustand ist immer schlechter und ich bin immer unfähiger geworden, der Welt in die Augen zu sehen und Beziehungen mit anderen Menschen aufzunehmen. Aber ich wusste nie, dass die Sucht der Grund dafür war.“

Apropos: Wie viele Beziehungen sind wegen deiner Sucht gescheitert?

„Kommt drauf an, was man als Beziehung versteht. Wenn man jeden noch so kläglichen Beziehungsversuch dazuzählt, waren es sicher 20 bis 30.“

 

Sexsucht
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Sucht man sich denn einen sexsüchtigen Partner, damit es mit der Beziehung klappt?

„In meinem Fall war es nicht so. Ich glaube, dass viele Sexsüchtige ihre Sexualität in einer Partnerschaft sehr bald genauso weiterleben wie vor der Partnerschaft – und der Partner mehr und mehr vernachlässigt wird.“

Inwiefern bist du denn heute in der Lage, eine Beziehung zu führen?

„Seit ich mit dem Genesungsprogramm der Selbsthilfegruppe die Ursache für meine Sucht bearbeite und immer mehr beseitige, habe ich meine Beziehungsfähigkeit immer mehr zurückerlangt. Ich bin seit fünfeinhalb Jahren verheiratet, habe zwei wunderbare Kinder und ein sehr erfülltes und zufriedenes neues Leben geschenkt bekommen.“

Gibt oder gab es Momente, in denen du gar keine Lust auf Sex hast bzw. hattest?

„In der Sexsucht war das nur immer eine kurze Phase nach dem Ausagieren, dann wurde der Druck wieder stetig größer. In der Genesung ist es so, dass Sex nicht mehr so wichtig ist. Es ist eine wunderbare Sache für die Beziehung, wenn es passt, aber wenn es gerade nicht passt, ist es kein Muss.“

Wie ging dein Umfeld mit deiner Sucht um?

„Mein Freundeskreis hat mich immer für einen Aufreißer und Frauenhelden gehalten. Aber wie es in mir drinnen wirklich aussah, wusste niemand. Sexsucht lässt sich lange Zeit sehr gut verstecken. Drogen-, Alkohol-, Spiel- oder Esssucht fallen den Mitmenschen eventuell früher auf.“

Wie und wo hast du dir Hilfe gesucht?

„Früher hab ich verschiedenste Dinge probiert, um „seelisch“ gesund zu werden. Die Sexsucht habe ich nur mit dem Genesungsprogramm in der Selbsthilfegruppe der „Anonymen Sexsüchtigen“ bekämpft.“

Wie sieht die Therapie aus?

„Dass man nicht die Symptome bearbeitet, sondern die Ursache. Das geschieht in der Gemeinschaft mit anderen Sexsüchtigen und mit dem „Zwölf-Schritte-Programm“, das für mich die genialste Therapieform ist, die ich je kennengelernt habe.“

Und wie siehst du gerade in die Zukunft?

„Ich weiß, dass ich diese Krankheit immer haben werde. So wie ein Alkoholiker, der es sich auch nach 30 Jahren Trockenheit nicht leisten kann, das erste Glas zu trinken. Oder ein Diabetiker, der keine Schokotorte verdrücken darf, auch wenn er vorher lange genug „brav“ verzichtet hat. Aber die Krankheit belastet mich nicht, weil ich in der Genesung das gefunden habe, wonach ich früher immer vergeblich gesucht habe, und ich deswegen kein Interesse mehr an einem „ersten Glas“ oder einer „Schokotorte“ habe. Pornografie und lüsterner Sex stoßen mich nun ab. Es ist für mich keine Versuchung mehr, solange ich die Prinzipien des ‚Zwölf-Schritte-Programms‘ in meinem täglichen Leben anwende.“

Auf anonyme-sexsuechtige.at, der Homepage der „Anonymen Sexsüchtigen“, kann man einen Test machen, ob man selbst betroffen ist, und erhält viele Informationen. Es finden wöchentlich Meetings in Wien, Graz, Innsbruck und Wiener Neustadt statt. Auch für Angehörige von Süchtigen gibt es einmal pro Woche ein Meeting.