Hinter den Sommersprossen und dem Schlafzimmerblick von Adwoa Abdoah (25) verbirgt sich eine Geschichte, die das britische Model jetzt jedem erzählen will. Über den Catwalk zu gehen genügt ihr nicht mehr. Heute will sie reden. Und zuhören.

Adwoa Abdoah: Die Powerfrau der anderen Art

Eigentlich, so erzählt Adwoa Aboah manchmal, feiere sie zwei Geburtstage: einen im Mai, einen im Oktober. Das tut sie nicht, weil sie als Model besonders exaltiert wäre, sondern weil im Herbst jener Tag wiederkehrt, an dem sie vor drei Jahren beschloss, nicht mehr leben zu wollen.

Hineingeboren in eine britisch-ghanaische Fashion-Familie – die Mutter Leiterin einer Castingagentur, der Vater Modelscout – steht ihre Zukunft früh fest, obwohl Aboah selbst an sich zweifelt. „Ich sah anders aus als die anderen Mädchen. Alle waren blond und hatten blaue Augen. Ich habe mich in der Schule sehr unattraktiv gefühlt. Ich habe meinen Wert danach bemessen, wie viele Jungs auf mich standen.“ Doch gerade, weil sie anders ist, fällt sie auf. Sie schießt Kampagnen für Roberto Cavalli, Calvin Klein und H&M und die Karriere scheint rosig – bis der gefährliche Mix aus Depressionen und Drogen sie abdriften lässt in die dunklen Jahre ihres Lebens. Weil die Jobs ausbleiben, nehmen die Minderwertigkeitsgefühle erneut zu – ein Teufelskreis, aus dem sie keinen Ausweg findet. Mehrere Aufenthalte in Entzugskliniken schlagen fehl. „Ich fühlte mich so verloren und habe das Leben einer anderen Person gelebt. Ich wollte einfach nicht mehr ich selbst sein.“ Im Oktober 2014 versucht sie, sich das Leben zu nehmen – Aboah ist zu diesem Zeitpunkt gerade mal 23 Jahre alt.

Nach vier Tagen im Koma und vier Wochen in einer psychiatrischen Einrichtung fängt sie ihren zähen Kampf für ihr neues Leben an und gibt unumwunden zu: „Ich war nicht glücklich darüber, dass ich gerettet wurde.“ Doch irgendwo in ihr existiert noch ein Funken Lebenswille, an dem sie festhalten kann. Als sie für das Cover der italienischen Vogue gebucht wird, passiert der Meilenstein: „Das hat mir so viel bedeutet. Nicht so sehr, weil ich auf dem Cover war, sondern weil ich etwas in meinen Augen wiederentdeckt habe. Jetzt ist der Funke wieder da.“

 

Eine zündende Idee

Aus dem Bedürfnis, ein normales Leben zu leben, wächst in Adwoa Aboah auch das Bedürfnis, anderen zu helfen. Als sie in einer Therapiesitzung anderen Frauen zuhört, kommt ihr ein Gedanke: „All diese Frauen haben einander die intimsten Details aus ihren Leben erzählt. All die Dinge, über die man nicht so leicht reden kann. Es gab keinen Konkurrenzkampf, keine Verurteilungen, kein Schamgefühl.“ Diese Gespräche legen in ihrem Kopf einen Schalter um und zünden eine Idee. „Nach dem Meeting habe ich mir gedacht, wie gut es wäre, wenn es einen Ort nur für Girls gäbe, an dem sie miteinander sprechen könnten.“ Sie denkt sich den Namen Gurls Talk aus, erstellt einen Instagram-Account, sichert sich die Websitedomain. Heute hat sie fast 100.000 Follower, Frauen aus der ganzen Welt melden sich bei ihr, und Aboah selbst geht in Großbritannien regelmäßig an Schulen, um mit jungen Frauen zu reden. Dieser Aktivismus bleibt nicht unbemerkt. Aktuell hat Zalando Aboah als Stimme für die jüngere Generation zur zweiten Bread & Butter by Zalando nach Berlin geholt. Dass es vor Ort einen Gurls Talk mit dem redegewandten Model gab, lag auf der Hand. Denn 2017 hat sie ihre Arbeit als Aktivistin noch verstärkt. Sie reist um die Welt, spricht in Schulen und gibt Workshops, in denen es „von der Periode bis zu Pornos um Tabuthemen geht“; doch keineswegs nur um Sex, sondern auch um psychische Erkrankungen, Körperwahrnehmung oder Essstörungen. Themen an- und auszusprechen ist die Devise, denn: „Wir müssen lernen, ehrlich über unsere Gefühle reden zu können und sie mit anderen zu teilen. Denn nur, wenn wir unsere innersten Gedanken und Gefühle teilen, können wir wieder Kontrolle über unser Leben erlangen.