Es war im Juli letztes Jahr, als Kanye West am Flughafen in Los Angeles ausrastete und einen Fotografen verprügelte. Mag sein, dass der Paparazzo dem Sänger zu dicht auf die Pelle gerückt war, mag sein, dass er einen schlechten Tag hatte. Tatsache ist: West wurde verurteilt. Zu einer nicht bekannten Geldsumme und zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe, in der er 240 Stunden Sozialdienst ableisten und Therapiekurse zur Kontrolle von Wutausbrüchen besuchen muss.

Etwa zur gleichen Zeit erschien sein Album Yeezus (ein Kofferwort aus Kanye Wests Spitznamen Yeezy und Jesus). Moment mal. Jesus? Genau, Stichwort Größenwahn: Schon 2006 ließ er sich für das Cover der Musikzeitschrift Rolling Stone als Jesus mit einer Dornenkrone abbilden und verkündete stolz: „Ich bin der umstrittenste Künstler des Jahres.” Doch man muss ihm lassen: Das Album ist genial. In einem einfachen Jewelcase, ohne Booklet, mit Tixo lapidar zugeklebt, schlug genau dieses Understatement ein und schaffte es auf Platz 1 der Billboard-Charts. Denn Kanye West überzeugt mit seinem Sound, nicht mit seiner Verpackung – Stichwort Genie. Und wenn er zeitgleich einen Fotografen vermöbelt und ein Album veröffentlicht, dann ist das keine Marketingstrategie, sondern schlichtweg die Tatsache, dass er halt Genie und Grantler gleichermaßen ist.


Fashion-Freak

Blättern wir den Kalender um fünf Jahre zurück und erinnern uns an die Verleihung der MTV Awards 2009, als West auf der Bühne ausrastete, Taylor Swift das Mikrofon aus der Hand riss und wutschnaubend erklärte, dass Beyoncé ihre Auszeichnung verdiene. Da ist er wieder, der Größenwahn. Er entschuldigte sich zwar, doch der Rüpel-Stempel blieb an ihm haften. Zur gleichen Zeit offenbarte er dann ein Talent in einer anderen Richtung – er entdeckte seine Liebe zur Mode. Prompt wurde er vom Männermagazin GQ in die Liste The 10 Most Stylish Men aufgenommen und fungiert seither nebenbei als Designer, aktuell mit der französischen Modemarke A.P.C., für die er eine Kollektion von Jeans, Kapuzenpullis und T-Shirts entworfen hat. Auf Twitter schrieb er knapp: „A.P.C. Kanye Capsule Collection July 14″. Genie? Nicht ganz, denn auch hier blitzt der West‘sche Wahnsinn auf: Als er in der Radioshow MTV News zu Gast war, beklagte er sich über die Modelabels. Weder Nike noch Louis Vuitton oder andere Marken wollen in seine Klamotten investieren. Unbescheiden sagte er über sein Talent: „Ich bin Warhol! Ich bin der einflussreichste Künstler unserer Generation! Ich bin Shakespeare persönlich! Walt Disney!” Und wieder: Genie meets Größenwahn, he’s the West man in town!


Millionenschwer

Aber es scheint genau der Mix aus Genie und Wahnsinn zu sein, der bewirkt, dass Frauen mit ihm ins Bett und Männer mit ihm auf ein Bier gehen wollen. Seine Musik gilt als Kunst; kein Wunder, dass er als einer der prägendsten, wenn nicht der prägendste Musiker der Hip-Hop- und Popmusik der 2000er-Jahre gesehen wird. Weltweit über 15 Millionen verkaufte Alben und 21 Grammy Awards sowie ein Jahreseinkommen von bis zu 35 Millionen US-Dollar sprechen für sich. Zwischendurch schreibt er dann Hits für die Britneys, die Alicias und die Janets dieser Welt, die seine Kasse klingen lassen. Damit kauft er sich sein Spielzeug, wie neulich zwei Iron Diamonds – hochsichere Panzerautos des lettischen Unternehmens Dartz Motorz – für je 1,2 Millionen Dollar!

Er polarisiert eben, auch privat, vor allem dank seiner exaltierten Ehefrau Kim Kardashian. Geboren mit einem goldenen Löffel im Mund und einer Fernsehkamera vor der Nase, sorgte die Beziehung der beiden seit ihrem Anfang 2012 für Schlagzeilen; man ist öffentlich verliebt, verlobt und verheiratet und feiert dank Sponsoren eine so pompöse Hochzeit, dass 21 Millionen US-Dollar an nur einem Wochenende im Bling-Bling-Nirvana des eitlen Paars verpuffen. Genialer PR-Schachzug oder größenwahnsinnige Idee? Das weiß nur Kanye West.