Im 19. Jahrhundert begann die erste Frauenbewegung. Sie forderte die Gleichstellung von Frauen in Politik und Gesellschaft. Jetzt, Anfang des dritten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert sind wir weit gekommen. Frauen haben wesentlich mehr Rechte. Das bedeutet aber auch, dass sie viel mehr Pflichten besitzen. Denn neben Arbeit und Karriere tragen sie weiterhin den Mental Load.

Mental Load: Er bezeichnet jene mentale Belastung, die durch die Haushaltsarbeit und Kindererziehung entsteht. Und diese fällt eben meist auf die Frau zurück.

Die moderne Gesellschaft: Aufgebaut von Menschen, designt von Männern

Um genauso aktiv an unserer Gesellschaft teilzuhaben wie Männer, mussten Frauen hart kämpfen – und müssen es immer noch. In Österreich etwa erhielten Frauen 1918 das aktive und passive Wahlrecht. Zusammen mit Deutschland zählte unser Land damit sogar zu den Vorreitern in Europa. In der Schweiz beispielsweise können Frauen erst seit 1971 ihre Stimme zur Mitgestaltung der Politik ihres Landes abgeben. Erst 1975 durften Österreicherinnen rechtlich ohne Zustimmung ihres Mannes arbeiten, über den Wohnsitz mitentscheiden und den Familiennamen wählen. Im selben Jahr wurde in Österreich der Schwangerschaftsabbruch bis zum dritten Monat entkriminalisiert. Absurd, dass die Abreibung bis dahin strafbar war, wenn man bedenkt, dass es erst Ende der 80er zu einer Reform des Sexualstrafrechts kam. Diese machte Vergewaltigung und geschlechtliche Nötigung während der Ehe oder Lebensgemeinschaft strafbar.

Frauen konnten also nicht nur so gut wie gar nicht die Gesellschaft, von der sie ein wichtiger Bestandteil sind, mitbestimmen. Sie konnten nicht einmal über ihren eigenen Körper bestimmen. Frauen kämpfen in mittlerweile vier Frauenrechtsbewegungen dafür, endlich Mitgestaltungsrecht für etwas zu haben, das ohne sie gar nicht möglich wäre: Die moderne Gesellschaft, das wirtschaftliche und politische System, das der Mensch aufgebaut hat. Ja, der Mensch hat es aufgebaut. Designt wurde es aber von Männern, vorwiegend weißen.

Das ist kein Vorwurf, das ist eine Tatsache. Das ist keine Erbschuld, für die moderne Männer nun bezahlen müssen, das ist einfach Realität. Denn ohne die unbezahlte Arbeit von Frauen – also Pflegearbeit, Kindererziehung, die Arbeit im Haushalt – hätten wir unser Wirtschaftssystem, wie wir es heute kennen, gar nicht aufbauen können. Ohne die unbezahlte Arbeit von Frauen hätten sich überspitzt gesagt gar keine Staaten bilden können. Trotzdem sah man lange Zeit über diese Leistung hinweg. Großteils tut man es heute noch.

Unbezahlte Arbeit zählt nicht

Das zeigt sich alleine darin, wie wir unser Bruttoinlandsprodukt (BIP) berechnen. Das BIP zeigt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes. Es gibt den Gesamtwert aller Güter, Waren und Dienstleistungen an, die während eines Jahres von Unternehmen einer Nation im In- und Ausland erbracht werden, an. Der britische Ökonom William Petty legte bereits im 17. Jahrhundert die ersten Bausteine für ein BIP. Er wollte durch Datenerhebungen Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen Entwicklungen und dem Wohlstand der Bürger ziehen.

Was im Bruttoinlandsprodukt fehlt, ist die unbezahlte Arbeit im Haushalt, die Betreuung der Kinder, die Reinigung der Wohnung, das Kochen für die Familie oder Reparaturen im eigenen Haus. Dinge, die vorwiegend Frauen erledigen. “Logisch”, denken jetzt viele, die das hier lesen. Weil wir eben in der Gesellschaft aufgewachsen sind, in der wir nun einmal aufgewachsen sind. Immerhin sind diese Leistungen unentgeltlich. Wieso aber – frage ich mich – sollten sie deswegen nicht berücksichtigt werden, wenn man die wirtschaftliche Leistung eines Landes berechnet?

Die Antwort ist ziemlich einfach wie absurd. Das System zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, wie wir es heute anwenden, wurde Anfang der 40er von zwei Männern namens James Meade und Richard Stone entwickelt. Sie entschieden sich dazu, unbezahlte Arbeit nicht in ihre Berechnungen einzubeziehen. Es war eine Entscheidung. Von Männern, die diese Arbeit vermutlich selbst nie geleistet haben.

Die moderne Frau: Sie darf alles und muss auch alles machen

Und so leben wir weiterhin in einer Gesellschaft, in der die historische Arbeit der Frauen nicht wirklich gezählt wird, Frauen aber noch immer bei weitem nicht dieselben Chancen haben jene Arbeit zu verrichten, die man tatsächlich ins BIP einberechnet. Denn auch, wenn wir Frauen mittlerweile Karriere machen können und zumindest rechtlich nicht aufgrund unseres Geschlechts diskriminiert werden dürfen, gibt es drei wesentliche Punkte, die uns noch immer davon abhalten, tatsächlich gleichgestellt zu sein.

Zum einen ist die bezahlte Arbeit – also jene, die wirklich gezählt wird, noch immer eine “Männerwelt”. Sie wird zumindest so bezeichnet. Frauen müssen sich in dieser “Männerwelt” beweisen. Sie müssen “zum Mann werden”, um eine Daseinsberechtigung in wichtigen Positionen von Unternehmen zu haben. Zweitens ist die unbezahlte Arbeit, also jene, die aus unerfindlichen Gründen immer noch nicht wirklich gezählt wird, weiterhin Frauenarbeit. Laut eines UN-Berichts erledigten Frauen während der Pandemie 2020 dreimal so viel Haushalts- und Pflegearbeit wie Männer. Und letztlich führen die ersten beiden Punkte dazu, dass Frauen theoretisch alles dürfen, also mehr Rechte haben. Sie aber dadurch gleichzeitig viel mehr Verpflichtungen in unserer Gesellschaft nachgehen müssen als Männer. Denn neben Karriere und Beruf kommt eben auch der Mental Load hinzu, also die Belastung durch Haushalt und anderen unbezahlten Arbeiten.

Während immer mehr Frauen in die Berufswelt einsteigen, sind es auch weiterhin noch mehr Frauen als Männer, die sich um Haushalt und Kinder kümmern. Die moderne Frau kümmert sich also um alles, sie denkt an alles. Sie beweist sich tagsüber in der sogenannten “Männerwelt”, versucht in Meetings und Vorstellungsgesprächen gute Leistung zu bringen, die idealerweise nicht in direkten Zusammenhang mit ihrem Geschlecht gebracht wird. Abseits davon denkt sie an die Wäsche, an den Müll, der hinuntergebracht werden muss, die Kinder, die ein Abendessen brauchen und die kranke Mutter, die einen Arzttermin hat.

Männer müssen sich in der Frauenwelt beweisen

Jeder Mann, der das hier liest und sich denkt “Diese Aufgaben teilen meine Frau und ich fair auf”, Gratulation. Das bedeutet aber nicht, dass das immer so ist. Die Statistik sagt nun einmal genau das Gegenteil. Laut der BCG Global Diversity Studie aus dem Jahr 2018 gab ein Drittel der Haushalte, in denen beide Partner berufstätig waren, an, die Haushaltsarbeit gleich aufzuteilen. Aber Frauen hatten eine wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit, die primäre Verantwortung für diese Tätigkeiten innezuhaben.

Diese ungerechte Verteilung von Pflichten und diese Bezeichnung von “Männerwelt” und “Frauenarbeit” führt zu einer Reihe von Phänomenen. Zum einen führt es dazu, dass Frauen, die eine Karriere haben möchten, auf Kinder verzichten, weil das in der gelebten Praxis zu einem Karriererückschlag führt. Zum anderen führt das dazu, dass Frauen, die es geschafft haben, eine Führungsposition in einem Unternehmen zu besetzen, selbst nach diesen Gesellschaftsklischees handeln. Jeder, der von seiner Chefin beim Vorstellungsgespräch schon einmal gefragt wurde, ob sie vorhabe demnächst schwanger zu werden, weiß, wovon hier die Rede ist. Außerdem führt es dazu, dass Frauen, die sich bewusst gegen Kinder entscheiden als unweiblich und gefühlskalt betrachtet werden. Es führt dazu, dass Frauen, obwohl sie in der Theorie die gleichen Rechte besitzen, noch immer nicht die gleichen Chancen haben wie Männer.

Deswegen sollte man(n) sich überlegen, ob sich Frauen tatsächlich in einer Männerwelt beweisen müssen oder ob die Männer an der Reihe sind, die historisch als “Frauenarbeit” betrachteten Verpflichtungen in der Kindererziehung und im Haushalt nicht nur mitzumachen, sondern auch dafür Verantwortung zu übernehmen. Sie sollte sich also einmal in dieser von Männern gemachten “Frauenwelt” beweisen. Bis die Begriffe “Männerwelt” und “Frauenarbeit” endlich der Vergangenheit angehören und alle Geschlechter, egal ob Frau, Mann oder non-binär die gleichen Rechte und Chancen haben.