Woran erkenne ich den Beginn einer Depression?
AO. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchunger: Eine Depression ist eine starke, alles durchdringende und anhaltende Störung der Stimmungslage, die sowohl Auswirkungen auf den Körper als auch auf die Psyche hat. Häufige Kennzeichen sind eine gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und Appetitmangel. Die Depression ist eine schwere Krankheit, die sich ohne Behandlung von alleine nicht wieder legt.


Was hat es mit saisonal abhängigen Depressionen auf sich?

AO. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchunger: Frauen im Allgemeinen und besonders junge Frauen sind von den sogenannten saisonal abhängigen Depressionen (SAD), wie sie in der Fachsprache genannt werden, häufiger betroffen als Männer. Von einer SAD spricht man, wenn körperliche und seelische Beeinträchtigungen zu bestimmten Jahreszeiten, ausschließlich im Herbst/Winter, auftreten und sich im Frühling/Sommer bessern. Eine SAD wird diagnostiziert, wenn die Symptome zweimal innerhalb der letzten zwei Jahre aufgetreten sind. Dennoch ist sie eher selten, da für ihre Entstehung niedrige Temperaturen und der Mangel an Sonnenlicht nicht ausreichen. Die Erfassung dieser Art von Depression ist schwierig, da Stimmungsschwankungen generell beim Wechsel der Jahreszeiten auftreten können.

Was passiert im Körper bzw. Kopf, wenn man depressiv ist?
AO. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchunger: Auf gedanklicher Ebene zeigen Betroffene krank machende, dysfunktionale Gedankenmuster. Auch ist der Antrieb, also die Motivation, stark eingeschränkt, und sie können Gefühle schlechter wahrnehmen. Körperlich ist bei einer Depression der Botenstoffhaushalt im Gehirn, welcher die Kommunikation der Nervenzellen steuert, beeinträchtigt. Insbesondere der Neurotransmitter Serotonin ist für unsere Stimmungslage verantwortlich. Bei einer SAD ist zudem der Melatoninhaushalt durch das weniger intensive Licht verändert. Melatonin steuert den Tag-Nacht-Rhythmus. Körperliche Erkrankungen, etwa der Schilddrüse, und Medikamente können ebenso eine Depression auslösen.


Wann muss ich zum Arzt gehen?

AO. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchunger: Wenn man seit mindestens zwei Wochen zutiefst niedergeschlagen ist und kein Interesse oder Freude mehr an Dingen hat, die früher Spaß gemacht haben. Denn dadurch können berufliche, zwischenmenschliche und körperliche Probleme entstehen. In schweren Fällen können auch Selbstmordgedanken und versuche auftreten oder Gedanken und Äußerungen, nicht mehr leben zu wollen. Das muss man ernst nehmen!

Zu welchem Arzt gehe ich überhaupt?
AO. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchunger: Da Depressionen mit einem Verlust der Tatkraft (z. B. „Ich fühle mich so schwach”), Scham und Angstgefühlen („Man wird mich nicht ernst nehmen”, „Man wird mich für faul halten”) einhergeht, fällt es Betroffenen schwer, sich ärztliche Hilfe zu holen. Im ersten Schritt sollte man sich über die Krankheit informieren. Das Gesundheitsportal des Bundesministeriums für Gesundheit bietet zahlreiche Informationen rund um das Thema auf gesundheit.gv.at. Direkthilfe gibt es bei einem Psychotherapeuten (Helpline des Berufsverbands Österreichischer Psychologen: Tel.: 01/5048000). Außerdem kann man sich an seinen Hausarzt wenden. Er kennt einen länger und kann die Symptome der Krankheit wahrscheinlich realistisch bewerten. Für eine Behandlung mit Medikamenten ist der Psychiater zuständig. Im Unterschied zu Psychologen und Psychotherapeuten darf er Medikamente (Psychopharmaka) wie z. B. Antidepressiva verschreiben. Die Überweisung muss durch den Hausarzt erfolgen. In der Regel ist für eine Behandlung der Depression eine Diagnose erforderlich. Der Hausarzt kann einen für die Diagnoseerstellung an einen Psychologen überweisen.

Gibt es Methoden, gegen eine beginnende Depression anzukämpfen?
AO. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchunger: Es ist ein Irrglaube, dass Menschen, die an einer Depression erkranken, sich nur ein bisschen anstrengen müssen, um auf die Beine zu kommen. Die Betroffenen verstricken sich nur noch mehr in Schuldvorwürfen, weil sie es nicht schaffen, mehr Sport zu machen, das Haus zu verlassen oder sich mit Freunden zu treffen. Auch Vorwürfe oder Tipps aus Freundeskreis oder Familie, man solle sich zusammenreißen, funktionieren nicht und erhöhen den Druck auf den Erkrankten. Denn man schämt sich, weil es nicht gelingt, sich für die einfachsten Erledigungen zu motivieren. Wer an einer Depression leidet, braucht professionelle Behandlung. Leidet man nur unter einer vorübergehenden schlechten Stimmung, kann sanfte sportliche Betätigung helfen. Ein Spaziergang an der frischen Luft, Jogging, Fahrrad fahren, ein Bad, ein guter Film, Freunde treffen … Im Prinzip hilft alles, was man als angenehm empfindet!

Gibt es natürliche Heilmittel, damit man nicht zu Antidepressiva greifen muss?
AO. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchunger: Sowohl Psychotherapie als auch medikamentöse Therapie mit Antidepressiva werden erfolgreich eingesetzt. Insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie ist hier zu nennen. Psychotherapie kann sich genau wie Psychopharmaka auf den Botenstoffhaushalt des Gehirns auswirken. Bei schweren Fällen ist meist eine kombinierte Therapie notwendig. Auch Lichttherapie wird bei Depressionen angewendet. Johanniskrautpräparate wirken bei Depressionen stimmungsaufhellend, sie haben jedoch wie alle Medikamente Nebenwirkungen.


Mit besonderem Dank an AO. Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchunger, klinische und Gesundheitspsychologin & Wiener Frauengesundheitsbeauftragte